Gulistan
 

Saadis Verse aus dem Gulistan

übersetzt von Friedrich Rückert

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II. Von den Gesinnungen der Derwische

1

Siehst du, ein ehrlich Kleid hat einer an,
Laß gelten ihn für einen Ehrenmann;
Weißt du nicht wie bestellt sein Innres sei,
Was hat im Haus zu tun die Polizei?

2

Anzuklagen hab ich mich versäumten Dienstes,
Denn nicht Beistand kann erfüllte Pflicht mir leihn.
Gottverehrer flehn die Sünde zu vergeben,
Gotterkenner die Verehrung zu verzeihn.

3

Böcke sind auf Gottes Trist und Lämmer,
Sufis nehmts nicht übel, wir sind Schlemmer.
Jeder hat sein Werk und seine Hoffnung;
Wir sind Bettler dieser Stadt, nicht Krämer.

4

In der Demut Staub das Antlitz senkend
Sprech ich wenn mich weckt des Morgens Hauch:
O du dessen nimmer ich vergesse,
Denkest du wohl deines Knechtes auch?

5

Wer kommt daß er dir Andrer Fehl' aufzähle,
Bringt ohne Zweifel Andren deine Fehle.

6

Wer kann wissen welch ein Mann steckt in dem Kleid?
Nur der Schreiber weiß des Briefes Heimlichkeit.

Oder:

Wer weiß was in des Herzens Tiefe steht?
Der Schreiber nur weiß was im Briefe steht.

7

Nicht im härenen Gewand ist Klausnertum,
Sei im Geist ein Klausner und leg Alles um.

8

Die Frommen tragen Kutten ums Genicke,
Doch aufs Geschöpfe richten sie die Blicke.
Die Frömmigkeit ist, weltlichen Begierden
Entsagen, nicht entsagen Kleiderzierden.
Tu fromme Werk und was du magst leg an,
Trag auf dem Haupt den Helm, am Arm die Fahn!
Im Panzerrocke stecken muß ein Ritter,
Was hilft das kriegrische Gewand dem Zwitter?

9

Seht die Frommen, die sich in die Kutte stecken,
Machen aus der Kaaba Vorhang Eselsdecken.

10

Einer von dem Trupp macht einen dummen Streich
Und entgelten müssen all es arm und reich.
Auf der Waide hat sich eine Kuh befleckt.
Sieh, und alle Küh im Dorfe sind bekleckt.

11

Auch nur ein ungehobelter allein
Ist einer sinnigen Gesellschaft Pein.
Ein ganz Bassin voll Rosenwasser mache!
Ein Hund fällt drein und es ist eine Lache.

12

Bei der Kaaba, fürcht ich, kommst du, Araber, nicht an,
Denn der Weg hier den du einschlägst geht nach Turkistan.

13

Der die Tugend auf der flachen Hand
Und das Laster unterm Arme hält,
Was, betörter Mann, am Tag der Not
Willst du kaufen für dein falsches Geld?

14

Nur sich selber sieht der Anspruchsvolle
Dessen Blick umschleiert Eigenwahn.
Wenn ihm würd' ein Auge Gott zu schauen,
Säh er sich in seiner Ohnmacht an.

15

In der Menschen Augen ist mein Äußres schön,
Während ich verborgne Fehler büße.
Alle Welt belobt am Pfau die Farbenpracht,
Doch er schämt sich seiner garstgen Füße.

16

Man fragte jenen, der den Sohn verloren:
O weiser Greis, von hohem Stamm geboren,
Du rochest aus Aegypten Josephs Hemde,
Wie blieb er dir in Kanans Brunnen fremde?
Er sprach: Ein Blitzstrahl ist was wir empfinden,
Der bald sich zeigt, bald wieder muß verschwinden.
Bald ist im vierten Himmel mein Entzücken,
Bald seh ich nicht bis auf des Fußes Rücken,
Wenn stets der Derwisch blieb' in seinem Stand,
So schlüg er die zwei Welten aus der Hand.

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