Ilchane

Geschichte der Ilchane
das ist
der Mongolen in Persien

von

Hammer-Purgstall

mit neuen Beilagen und neuen Stammtafeln

Darmstadt. Druck und Verlag von Carl Wilhelm Leske. 1842.

Inhaltsverzeichnis

Zweites Buch

Moteaassim.

Moteaassimbillah, d. i. der an Gott Festhaltende, der Sohn Mostanssir's, der sieben und dreissigste und letzte Chalife des Hauses Abbas, bestieg den Thron, den er sechzehn Jahre gefüllt, im dreissigsten seines Alters; ein prachtliebender, grossthuender, schwacher Fürst, doch nicht ohne löbliche Eigenschaften und Werke. Ein Hafis, d. i. Bewahrer des Koran's (wie Alle heissen, welche denselben auswendig wissen), war er den Gesetzgelehrten geneigt und baute für dieselben, nach seines Vaters Beispiel, eine hohe Schule, gegenüber dem Grabmale des Scheich's Karchi, so nach dem, vorzüglich von Schiiten bewohnten Stadtviertel Bagdad's genannt, welche aus vier Medreseen für die vier Ritus des Islam's bestand. Im dritten Jahre seiner Regierung erschien ein mongolisches Heer in der Nähe von Bagdad, von wo es zu Baakuba durch den kleinen Diwitdar (Staatssekretär) zurückgeschlagen ward. Dieser Vortheil vermehrte den Dünkel Moteaassim's, unter welchem das Ceremoniel des Hofes von Bagdad auf einen bisher nie gehörten Grad getrieben ward. Die Schwelle des Thronsaales war ein schwarzer Stein, welchen Alle, selbst Gesandte und Fürsten, die ihre Belehnung empfingen, nicht ausgenommen, sich unterwerfend küssen und dann den schwarzen Schleier, welcher dem daranstossenden Fenster vorgezogen ward, wie den Vorhang des Heiligthums der Kaaba verehren mussten. Medschdeddin Ismail, der Gesandte des Atabegen Ebubekr Ben Segi, unterwarf sich dem vorgeschriebenen Ceremoniel, legte aber einen kleinen Koran, den er in der Hand verborgen, auf die Schwelle und küsste deren statt den Koran. Wann Moteaassim ausritt, sass er auf hohem Rappen, schwarz verschleiert mit schwarzem Turban, dessen Enden über die Schultern zurückflogen, von vierzig schwarzen Leibwachen umgeben; der Rappe war mit goldenem Halsband und edelsteinbesetztem Zügel und Bügel geschmückt, und wann ihn der Chalife bestieg, erscholl der Siegesruf, dessen Worte aus Koranstexten zusammengesetzt: „Gott mache das Gute zum Stirneknoten des Pferdes und binde es an seine Mähnen; er mache die Füsse desselben weiss durch Erreichung aller Begehren; er wolle dem Laufe desselben mit losgelassenen Zügeln alle Sicherheit gewähren, die Eroberungen sollen seinen Wettlauf am Ziele kennen und das Heil des Erfolgs seine Zügel dehnen!“ Alle moslimischen Fürsten erhielten den Titel rechtmässiger Herrschaft einzig von dem Belehnungsdiplome Moteaassim's, welche derselbe mittels Gesandten ertheilte, die nebst dem Diplome der Investitur, Kaftan, Turban, Fahne, Schwert, Ring und ein Maul mit goldbeschlagenen Hufen und juwelengestickter Satteldecke zum Geschenke brachten. Der Gesandte vollzog nun ein Paar Tage nach seinem feierlichen Einzuge in die Residenz des Sultans oder Emirs die Investitur, indem er dem Fürsten den Kopfbund aufsetzte, den Ring ansteckte, das Diplom vorlesen liess und ihm dreimal wiederholte: Sei gerecht und übertrete das Gesetz nicht; dann erst ward ihm erlaubt, den Thron zu besteigen, und erst, nachdem er den Thron bestiegen, ward er für würdig erachtet, dem vom Chalifen gesandten Maul in Gegenwart des ganzen Hofes den goldbeschlagenen Huf zu küssen. Der Gesandte warf Geld aus und begleitete den Sultan, der nun unter einem über seinem Kopfe emporgehaltenen Sonnenschirme die Stadt durchritt. Wann immer ein Gesandter des Chalifen an den Hof des Sultans kam, ward sein Maul bis in den Thronsaal geführt und ein Vorhang niedergelassen; der Sultan musste vom Throne steigen, hinter dem Vorhange den Huf des Maulthieres küssen, worauf er mit dem vom Chalifen gesandten Ehrenkleide erst wieder den Thron bestieg. Die Insignien der Investitur von Seite des Chalifen waren also: Kaftan, Turban, Schwert, Ring, Fahnen, Sonnenschirm und der Huf des Maulthiers. Krone, Mantel, Schwert, Ring, Fahne finden sich auch als Insignien der Investitur fürstlicher und kirchlicher Würden im europäischen Mittelalter; nur an die Stelle des Hufes trat das Horn, mit welchem dänische und angelsächsische Könige ihre Vasallen belehnten. Das Heer Moteaassim's war hunderttausend Mann stark, von denen die Hälfte vom Diwan aus besoldet; der Befehlshaber desselben, Suleimanschah, welchen der Dichter Esireddin Umani in Lobgedichten gepriesen. Die innere Verwaltung besorgten die beiden Diwitdare (Tintenzeughalter), d. i. Staatssekretäre; die Geschäfte des Hofes leitete der Scherabdar, Mundschenk, aber die Summe der Regierung war in den Händen des Wesirs Moejededdin Mohammed Abdolmelik El-Alkami, ein ausgezeichneter Gelehrter in Prose und Poesie, in Ueberlieferungs- und philosophischen Wissenschaften gleich gewandt, der Chalife aber selbst dem Wohlleben und Sinnengenusse ergeben. Die nächsten Hebel seines Verderbens waren von innen der Wesir Alkami, von aussen der grosse Astronome Nassireddin, der sich im Geleite Hulagu's befand.

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