Auf fernen Meeren

Auf fernen Meeren

Tagebuchfragmente und Briefe

1924 n.Chr.

Pierre Loti

Inhaltsverzeichnis

La Trappe, Februar 1878. (2 Briefe)

An einem Winternachmittag habe ich an diesem seltsamen Ort um Gastfreundschaft gebeten.

Ein Sonnenstrahl lag über dem Wald, dem Landstrich und dem alten Kloster. Es war wie ein trauriges Lächeln der Natur.

Hier ward mir ein brüderlicher Empfang von merkwürdigen Menschen, die vorgeben, nicht mehr zu leiden, und die doch genug gelitten haben, um mich verstehen zu können ...

Der Vorsteher des Klosters – ein noch junger Mann im weißen Gewände, mit dem Kreuz und der violetten Bischofsschnur auf der Brust –, führte mich selbst in die für mich bestimmte Zelle. Er öffnete das Fenster und wies mir die öde Landschaft, Hügel, Berge und eine alte, schwarze Schloßruine. Dann setzte er sich zu mir und erzählte mir manches, und ein unbeschreiblicher Zauber ging von ihm aus.

Doch fühlte ich gleich, und nur zu deutlich, daß ihre Mittel zu kraftlos sind, um, und sei es auch nur für einen Moment, Schmerzen zum Schweigen zu bringen.

... Und dann ist, selbst für nur kurze Zeit, das Leben hier zu düster, besonders für mich, dem der Glaube fehlt, der die Trappisten selbst mit Mühe aufrecht hält. Tag und Nacht Totengesänge ohne Ende, Gesichte aus der andern Welt, Gespensterprozessionen.

Sogar der Schlummer, der sonst überall Unglücklichen Trost und Kraft spendet, flieht diese Stätte ... Nichts als feuchte eisige Kälte, ein schwarzer Himmel und das Heulen des Windes, dessen stöhnende Laute gespensterhaft die langen Gänge entlang irren.

Im Refektorium teile ich das Mahl der sündigen Priester, die strafweise eine Bußzeit hier verbringen müssen. An unserem Tisch steht ein Mönch, der mit Grabesstimme die »Selbstverachtung« des heil. Bonaventura für uns liest:

»Ich sagte zur Fäulnis: Du bist meine Mutter, »und zu den Würmern: Ihr seid mein Vater »und meine Brüder ...

»Was wäret ihr sonst, wenn nicht unreine Saat? »Was würdet ihr, wenn nicht der Würmer Speise? »Wie stund' es dem Staube an, sich im Ehrgeiz zu blähen?

»Die Bäume und Pflanzen geben uns Düfte und Frucht; »dem Leib des Menschen aber entquellen Gestank und Kot.«

La Trappe, Februar 1878.

Es war während des Nachtgottesdienstes. Anbetend sangen die Mönche im Chor ihre ewigen Litaneien ... Ich war in wesenloses Sein versunken, das weder Schlaf noch Wachen war. Mechanisch lauschte ich den düsteren Weisen. Das seltsame Begrabensein in Klosterluft hielt mich bereits gefangen, Leichenkälte hüllte mich ein. Ein völliges Losgelöstsein vom Leben gewann Macht in mir, über mich. Und der Gedanke, mein Leben im härenen Gewande zu beschließen, hatte fast ganz seine Schrecknis verloren.

Bis ein Erinnern, das sehr fern zurückzuliegen schien, mir plötzlich beklemmend im Herzen aufsprang: Mein lichtes Zimmer in Fontbruant, das ich vielleicht nie wiedersehen werde, und das Flöten der Nachtigallen, das dort die Nächte des Frühlings füllt.

Dann wanderte ich durch lange Stunden in meiner Zelle auf und nieder, und lange und düster haftete mein Blick in der Vergangenheit. Da waren nur die Kinderjahre, die hell in fernster Ferne leuchteten, – es sind die einzig wirklich frohen, die mir mein Leben geschenkt hat.

Ehe ich einst aus dem Leben scheide, möchte ich sie niederschreiben, diese Erinnerungen aus meiner Kinderzeit. Es scheint mir, daß ich mit diesen Aufzeichnungen vermögen werde, mein flüchtiges Dasein ein wenig zu bannen, und gegen die blinde Gewalt zu kämpfen, die uns dem Nichts entgegenträgt ...

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